Als erste Ministerin Ostdeutschlands schrieb die Pädagogin Marie Torhorst im Jahr 1947 Geschichte. Sie blickte damals bereits auf ein bewegtes Leben zurück, das geprägt war durch die Systemumbrüche des 20. Jahrhunderts. In dem Stück „Frau Minister“ spürt die Schauspielerin Juliane Torhorst dieser Biografie nach. Die Urgroßnichte Torhorsts forschte dafür auch im Stasi-Unterlagen-Archiv.
Am 30. März 2026 war Juliane Torhorst Gast im vierten Beispielaktentalk. Im Gespräch mit einer Mitarbeiterin des Bildungsteams berichtete sie über die mühsame Arbeit mit sperrigen Stasi-Unterlagen und wie sich ihr Blick auf das vermeintlich schillernde Leben ihrer Urgroßtante durch die Recherchen verändert habe. Kurz nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hatte sich die Pädagogin Torhorst von der DDR-Geheimpolizei als Informantin „Sofie“ anwerben lassen und ihr dann bis 1959 regelmäßig Bericht erstattet, auch über Mitglieder der Familie. Eine Episode, die in der Familienerinnerung dennoch nie eine Rolle gespielt habe.
Bis zu ihrem Tod im Mai 1989 sei Marie Torhorst überzeugte Kommunistin und DDR-Bürgerin geblieben. Bis heute stelle sich Juliane Torhorst daher die Frage, wie viel diese etwa über die Jugendwerkhöfe gewusst und inwiefern sie das dortige Leiden bewusst für die Durchsetzung ihrer ideologischen Überzeugungen in Kauf genommen habe.
Insbesondere in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich, wie widersprüchlich Biografien und Lebensleistungen sein können und wie unterschiedlich sie erinnert werden.
Der Beispielaktentalk ist die Veranstaltungsreihe zur Beispielaktensammlung des Stasi-Unterlagen-Archivs. Diese ermöglicht Gästen den seltenen Blick in ungekürzte und originalgetreu reproduzierte Stasi-Akten. Einmal im Quartal bringt das Format ausgewählte Unterlagen im Dialog mit Betroffenen oder Expertinnen und Experten zum Sprechen. Der nächste Abend dieser Art ist für Ende Juni geplant.